Zeitenwende – auch für Credit Manager?

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat laut Bundeskanzler Olaf Scholz eine „Zeitenwende“ eingeläutet. Eine der Konsequenzen: Russland wurde von zahlreichen Ländern mit schweren Sanktionen belegt, mittlerweile sogar vom Zahlungsdienst SWIFT abgekoppelt. Was bedeutet das für die deutsche und europäische Wirtschaft? Welche Wirtschaftszweige sind besonders betroffen? Worauf müssen sich Credit Manager einstellen? Die Redaktion des Magazins Der CreditManager hat erste Statements zur Lage eingeholt. Die komplette interaktive Ausgabe finden Sie hier.

„Der völkerrechtswidrige, menschenverachtende und durch nichts zu rechtfertigende Angriff des Putin-Regimes auf den unabhängigen Staat Ukraine am 24. Februar 2022 hat uns alle geschockt.

In seltener Einigkeit und Schnelligkeit haben die demokratischen Staaten Europas und der Welt auf diese Invasion reagiert und bisher nicht gekannte Sanktionen gegen Russland in Kraft gesetzt sowie umfangreiche Finanzmittel zur humanitären, wirtschaftlichen und militärischen Unterstützung der Ukraine zur Verfügung gestellt.

Die Folgen dieser nachvollziehbar richtigen Entscheidungen werden allerdings nicht nur Russland treffen, sondern mindestens indirekt auch Folgen für unser Leben haben, gleich ob wir das als Privatpersonen, Wirtschaftsunternehmen oder die öffentliche Hand sehen.

Die bereits stark gestiegenen Kosten für Energie werden sich weiter erhöhen und viele Branchen in großem Umfang belasten. In der Folge werden die Preise für Erzeugnisse in allen Prozessstufen nach oben gehen, bis hin zu den Verbraucherpreisen. In einigen Bereichen der Ernährung ist das schon deutlich erkennbar.

In diesem Umfeld werden an die Arbeit der Credit Managerinnen und Credit Manager schnell unerwartete Anforderungen entstehen, die vermutlich auch neue Lösungsansätze erfordern. Gegebenenfalls müssen trotz unklarer Bonitätsfragen Kreditlimits erweitert werden, um die Umsätze bei höheren Preisen abwickeln zu können. Sicherungsfragen werden eine große Rolle spielen.

Ich gehe davon aus, dass die Kolleginnen und Kollegen des Credit Managements wieder beweisen werden, dass eine große Fähigkeit dieses Berufes das schnelle, flexible und nachhaltige Arbeiten in schwierigem Umfeld ist und dass diese Herausforderungen gemeistert werden können.

Dazu wünsche ich viel Erfolg – und hoffe, dass dieser unerträgliche Krieg bald ein Ende haben wird.“

Rudolf Keßler CCM, Präsident des BvCM

„Ausnahmezustand hält an“

„Die weit reichende wirtschaftliche Isolation Russlands in vielen Bereichen und dem internationalen Zahlungsverkehr wird nicht nur den Russen weh tun, sondern auch uns Deutschen. Das fängt bei der Prüfung von Geschäften an, ob Kunde oder Lieferant und dessen Eigentümer nicht auf der Sanktionsliste stehen. Das geht weiter über zerreißende Lieferketten, einen verteuerten Warenexport und weiter horrend wachsende Energie- und Rohstoffkosten. D. h. zumindest mittelfristig, dass der Ausnahmezustand nach Corona für die deutschen Unternehmen weiter anhält. Für eine endgültige Bewertung der Schäden kommt es hauptsächlich auf die Dauer des Krieges an. In der momentanen, hochvolatilen Situation verbieten sich konkrete Prognosen, aber zumindest ist klar, dass sich die Erholung unserer Wirtschaft dadurch erheblich verzögern wird.“ Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung Verband der Vereine Creditreform e.V.

 „Kunden schützen“

„Es ist unsere Priorität, unsere Kunden vor allen Ereignissen zu schützen, die ihr Geschäft und ihren Cashflow beeinträchtigen könnten. Daher haben wir natürlich die Entwicklung dieses Konflikts von Anfang an verfolgt und unsere Risikopositionen und unser Commercial Underwriting in diesen Märkten seit mehreren Jahren sehr konservativ gestaltet. Angesichts der aktuellen Situation und der großen Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, ergreifen wir zusätzliche Maßnahmen und passen unsere Underwriting-Strategie dem Ernst der Lage an. Es ist nicht nur ob der jüngsten Sanktionen selbstverständlich, dass das Exportvolumen unserer Versicherungsnehmer an russische Abnehmer drastisch zurückgegangen ist. Dementsprechend passen auch wir unser Engagement an. Wir arbeiten eng mit unseren Kunden zusammen, um die potenziellen Auswirkungen abzumildern, die dieser Konflikt auf ihr Geschäft haben könnte. Und wir beobachten die Situation weiterhin sehr genau und werden unsere Maßnahmen je nach Eskalationsgrad des Konflikts und dem Ausmaß der Sanktionen weiter justieren.“      Anna-Katharina Wichmann, Vertriebsdirektorin Euler Hermes Deutschland.

„Indirekte Auswirkungen spüren“

„Inwiefern die aktuelle Situation die deutsche Wirtschaft trifft, lässt sich angesichts der ungewissen Entwicklungen schwer vorhersagen und nur anhand von Szenarien festmachen. Sollte sich der Konflikt nicht weiter entfachen, gehen wir aufgrund des geringen Außenhandelsanteils und des geplanten Ausgleichs der absehbar fehlenden Importe aus Russland durch Bündnispartner von einem moderaten Effekt auf das BIP aus. Direkt betroffen sind natürlich Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen und Kapitalbeteiligungen in der Ukraine und in Russland. Weiterhin werden weite Teile der deutschen Wirtschaft die indirekten Auswirkungen der Embargos und Sanktionen, wie Inflationseffekte und Lieferkettenproblematiken, zu spüren bekommen.” Jens Junak, Country Manager Deutschland, Creditsafe

 

Ständiger Kundenkontakt

„Coface verfolgt die Entwicklung der Situation in Russland und der Ukraine und deren Folgen für die wirtschaftlichen und kommerziellen Risiken genau. Die jüngsten Ereignisse haben uns veranlasst, die Länderrisikobewertung für Russland von B, ziemlich hoch, auf D, was ein sehr hohes Risiko bedeutet, herabzustufen. Die Bewertung der Ukraine liegt schon seit längerer Zeit bei D. Da sich die Situation fast stündlich verändert, stehen wir im ständigen Kontakt mit unseren Kunden. Wir möchten sie entsprechend der spezifischen Situation der einzelnen Branchen und Unternehmen und unter strikter Einhaltung der internationalen Sanktionen bestmöglich unterstützen.“

Katarzyna Kompowska, CEO Coface Nordeuropa

 

Steigende Inflation

„Mit Entsetzen verfolgen wir die Geschehnisse in der Ukraine. Zuerst einmal möchte ich sagen, dass CRIF Deutschland ausdrücklich diesen Krieg und seinen Aggressor verurteilt. Durch den Krieg in der Ukraine werden sich die die geopolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen insbesondere für Europa grundlegend ändern. Auf der einen Seite verbessern sich mit dem Nachlassen der Pandemiewelle die Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft gerade wieder. Auf der anderen Seite haben sie sich durch den Ukraine-Konflikt und durch die verstärkten Inflationsprobleme deutlich verschlechtert. Die Sanktionen gegen Russland haben auch negative Auswirkungen auf die exportorientierte deutsche Wirtschaft. In welcher Größenordnung das Insolvenzgeschehen in Deutschland beeinflusst wird, können wir aufgrund der Dynamik derzeit noch nicht beurteilen.

Dr. Frank Schlein, CEO Crif GmbH

 

„Sanktionen unbedingt einhalten“

Die EU-Sanktionen gegen Russland haben weitreichende Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Insbesondere internationale und exportierende Unternehmen sind mit umfassenden Prüfpflichten bezüglich ihrer Kunden und Lieferanten konfrontiert, die sowohl für das Neu- als auch Bestandsgeschäft gelten. Sie müssen Möglichkeiten finden, Geschäftsbeziehungen effizient, gründlich und rechtskonform zu prüfen. Der Kreis der Sanktionierten ist größer als bisher, denn das Verbot einer mittelbaren Bereitstellung erfordert es, stärker auf Personen und Unternehmen in den Strukturen zu schauen und nicht nur auf direkte Geschäftspartner. Es bedarf eines erweiterten Geschäftspartner-Screening auf den verschiedenen Listen und einer anschließenden Einzelfallprüfung bei konkreten Verdachtsfällen. Aus Compliance-Sicht sind diese Sanktionierungen unbedingt einzuhalten, da sonst Geld- oder sogar Freiheitsstrafen drohen.

Grit Bantow, Leiterin Center of Competence B2B, SCHUFA Holding AG



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