Strategie für Krisen und Kreditrisiken

Erst die Corona-Pandemie, dann der Krieg in Europa: Unternehmen spüren zunehmend die Auswirkungen der aktuellen Krisen, nicht zuletzt durch den Anstieg der Inflation und die Unterbrechung von Lieferketten. Die Preisanstiege und eine Straffung der Geldpolitik erhöhen das Risiko von Zahlungsausfällen und längeren Forderungslaufzeiten. Credit- und Risikomanager müssen deshalb mehr denn je auf die aktuellen Verwerfungen achten. Ein Beitrag von Andy Büch von Serrala, veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe des Magazins Der CreditManager.

Für Credit Manager kommt es bei einer solch dynamischen Weltwirtschaft mit volatilen Märkten und schwer kalkulierbaren Risiken darauf an, Kreditlimits im Auge zu behalten und bei Bedarf anzupassen. Eine laufende Datenanalyse über die möglichen Auswirkungen von Marktschwankungen auf die Zahlungsfähigkeit von Kunden sowie auf die Forderungsbestände und die finanzielle Stabilität des Unternehmens ist daher unabdingbar. Welche Risiken spielen aktuell die größte Rolle und wie können Unternehmen am besten darauf reagieren?

Sanktionen und volatiler Handel

Die Sanktionen, die als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine verhängt wurden, haben unter anderem zu einem Verbot des Sekundärhandels mit russischen Staatsanleihen geführt, was die Handlungsfähigkeit wichtiger russischer Banken sowie den Export wichtiger Technologien eingeschränkt. Exporte aus Deutschland in die Russische Föderation haben sich seit Februar 2022 gemäß Destatis um rund 50% reduziert.

Die Sanktionen und Gegensanktionen tragen zunehmend zu einer geographischen Neuordnung unter anderem von Energiehandelsflüssen bei und wirken sich auf die Erdöl- und Erdgaspreise aus. Die Produktion und der Transport von Waren verteuern sich dadurch. Zudem befinden sich „sichere“ Währungen wie der US-Dollar im Aufwind im Vergleich zum Euro und schränken die Absatzmöglichkeiten von europäischen Unternehmen weiter ein.

Unterbrechung globaler Lieferketten

Der Einbruch und der spätere Wiederaufschwung der Verbrauchernachfrage infolge der Pandemie hat die Lieferketten unter Druck gesetzt. Dazu kommen wiederholte Lockdowns in Shanghai und Unsicherheiten aufgrund des russischen Kriegs in der Ukraine. So sind Fertigungsteile oft schwer zu bekommen, Containerschiffe treffen inzwischen mit zehn Tagen Verspätung ein und auch im Land selbst hakt es in der Logistik aufgrund von Personalengpässen und anderen Faktoren. Die erhoffte wirtschaftliche Erholung wird dadurch ausgebremst und Credit Manager müssen sich darauf einstellen, dass Kunden in wirtschaftliche Schieflage geraten und ihre Forderungen nicht, nur teilweise oder spät begleichen können.

Inflation und straffere Geldpolitik

Internationale Spannungen, Lieferprobleme und eine schwankende Nachfrage sorgen für steigende Preise und haben zur höchsten Inflation seit 40 Jahren geführt – und bisher ist kein Ende des Preisanstiegs in Sicht. Ein weiterer Anstieg der Rohstoffpreise, Löhne und Zinsen könnte zu höheren Risiken in der Bau-, Energie-, Metall- und Transportbranche führen, während die Lebensmittelproduktion, die Chemieindustrie und die Automobilproduktion durch Rohstoffknappheit ausgebremst werden. Die US-Notenbank und die europäische Zentralbank haben inzwischen die Leitzinsen erhöht, um den Preiseffekten entgegenzuwirken. Dadurch steigen allerdings auch die Finanzierungskosten weiter, was das eine oder andere Unternehmen in finanzielle Schieflage bringen dürfte.

Die Kontrolle behalten

Cashflow-Risiken von Unternehmen werden durch Zahlungsverzögerungen oder Forderungsausfälle verursacht. Unterbrechungen von Lieferketten und steigende Kosten führen zu Insolvenzen und Zahlungsausfällen. Selbst wenn Unternehmen nicht direkt von Sanktionen oder Inflation betroffen sind, könnten ihre Kunden darunter leiden oder ihre Lieferketten zusammenbrechen.
Credit Manager müssen daher dafür sorgen, dass diese Risiken in den Kreditlimits der Kunden angemessen berücksichtigt werden. Risikomanager stehen vor der Aufgabe, die finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Risiken für ihr Unternehmen trotz aller Unsicherheiten zu bewerten. Compliance-Manager müssen zudem auf die Einhaltung der Unternehmensrichtlinien und der gesetzlichen Vorschriften in den Geschäftsbeziehungen achten.

Absicherung der Forderungen

Abgesehen von der gebührenden Sorgfalt im Credit- und Compliance-Management ist die Warenkreditversicherung ein wirksames Mittel zur Minimierung von Handels- und Cashflow-Risiken. Eine solche Kreditversicherung gleicht im Ernstfall Zahlungs- und Forderungsausfälle aus. Die Kreditversicherer analysieren zunächst die Kreditwürdigkeit und Finanzkraft des betreffenden Portfolios und erstatten bei einem Ausfall Beträge in Höhe des Kreditlimits.

Absicherung durch Factoring

Zahlungsausfälle können auch durch die Auslagerung von Forderungen vermieden werden. Ein Factoring-Institut kauft die Forderungen zu einem verringerten Wert, so dass das Kreditrisiko auf diese ausgelagert wird. Dafür werden 70 bis 90 % des Ausgangswerts im Vorfeld bar ausgezahlt. Bei Eintreibung der Verbindlichkeiten zahlt das Factoring-Institut den Differenzbetrag zurück und sorgt damit für sofortige Liquidität bei vollständiger Übernahme des Verlustrisikos.

Agilität und umfassende Automatisierung

Es ist schwer, mit manuellen Prozessen und Datenanalysen auf Marktrisiken zu reagieren, vor allem in Zeiten sehr instabiler Märkte. Nur ein hohes Maß an Automatisierung und die Standardisierung von Prozessen gibt einem den Freiraum, schnell auf sich verändernde Parameter zu reagieren. Denn je besser und schneller verfügbar Daten, Analysen und Vergleichbarkeit sind, desto besser die Grundlage für treffsichere Entscheidungen. Künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen (ML) machen hier heute mehr möglich als je zuvor und unterstützen die nötige Agilität, um sich in turbulenten Zeiten anpassen zu können.

Alle Daten auf den Punkt bringen

Zuverlässige Echtzeitinformationen aus unternehmenseigenen ERP-Systemen sowie externen Quellen wie Wirtschaftsauskunfteien sind in einem risikobehafteten Umfeld von essenzieller Bedeutung. Risiko- und Compliance-Manager sind hier gefragt, um Finanzanalysen sowie Informationen aus Kreditversicherungen, Kreditsicherheiten und aus dem Sicherheiten-Management in ihre Entscheidungsfindung einzubeziehen, ebenso wie Angaben aus schwarzen Listen und Sanktionslisten. Mit zentralisierten Lösungen können solche Informationen aus den unterschiedlichen Quellen zentral zusammengeführt und sichtbar gemacht werden. Unternehmensweit verfügbar gemacht bringen sie alle Entscheider auf denselben Kenntnisstand, um fundierte Entscheidungen zu treffen.

Fazit

Risiken sind häufig sehr schwer vorherzusehen. In turbulenten Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, sind sie eine besondere Herausforderung für Credit- und Risikomanager. Unerwartete Ereignisse und vielfältige Probleme wie Lieferschwierigkeiten, Inflation und steigende Zinsen erhöhen den Druck auf das Credit- und Risikomanagement. Je nach Markt, Region und Branche ergeben sich dabei bisweilen sehr unterschiedliche Herausforderungen.

Nur eine gute Datenlage lässt Credit Manager durch die Risikoszenarien navigieren. Mit traditionellen, manuellen Datenanalysen ist es in solchen Fällen nicht getan. Zu viele Daten gilt es in sehr kurzer Zeit zu analysieren. Um diese effizient zu nutzen, müssen einerseits die zugrunde liegenden Prozesse in der Debitorenbuchhaltung und im Credit Management höchst effektiv funktionieren und andererseits müssen die daraus generierten Daten per Knopfdruck verfügbar und messbar sein. Proaktive, automatisierte Prozesse, die zu standardisierten Prognosen und Ergebnissen führen, sind daher aktuell für Risikomanager kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, denn sie sorgen für schnelle Transparenz und eine belastbare Risikobewältigungsstrategie.



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