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Mittwoch, 11 Oktober 2017 00:00

Finanzierung in der Lieferkette

Bei der Optimierung von Working Capital und Finanzierungskosten schaute bisher jedes Unternehmen auf sich selbst. Neue Technologien erlauben es nun, gemeinsam innerhalb der Lieferkette die Finanzierung von Working Capital zu optimieren – und zwar direkt und ohne Banken.

Es ist eine paradoxe Situation: Auf der einen Seite stehen erfolgreiche einkaufende Unternehmen mit Rekordmengen an verfügbarer Liquidität in ihrer Bilanz – und erzielen darauf so gut wie keine Zinsen oder müssen sogar Strafzinsen zahlen. Auf der anderen Seite stehen in der Breite Lieferanten mit strukturbedingten Liquiditätsschwankungen und hohen Finanzierungskosten. Gleichzeitig bestehen zwischen diesen Unternehmen lange Zahlungsziele – meist mehr als 30 und oft über 60 Tage. Während dieser Zeit wird also Liquidität auf der einen Seite für -0,3% p.a. Zinsen kurzfristig angelegt (aktueller Geldmarkt-Zinssatz) und auf der anderen Seite für 3% bis über 8% p.a. (Kreditlinien; Gesamtkosten von Factoring) finanziert. Dies belastet nicht nur die Beziehungen zwischen Abnehmer und Lieferant, sondern führt auch unmittelbar zu hohen Finanzierungs- und Absicherungskosten innerhalb der Lieferkette und damit hohen Einkaufspreisen, denn diese Kosten sind Bestandteil der Preiskalkulation.

Wie können Liquidität und Finanzierungskosten der Lieferanten also optimiert werden und wie kann dabei das eigene Unternehmen ebenfalls profitieren?

Probleme der Einkaufsverhandlung

Die Probleme im Rahmen der klassischen Einkaufsverhandlung und einer Verkürzung der Zahlungsziele sind bekannt: Kurze Zahlungsziele mindern zwar die Kosten der Vorfinanzierung, werden in der Praxis jedoch mit nur einmaligen Rabatten belohnt und nicht dauerhaft in Form besserer Preise an den Einkauf weitergegeben. Im nächsten Einkaufsgespräch gelten diese kurzen Zahlungsziele als Ausgangspunkt der Verhandlung. Auch durch fixe Skonti ist es nicht möglich, dieses Dilemma zu lösen: In der Verhandlung wird zwar ein einmaliger Rabatt erzielt, dieser wird jedoch ab diesem Zeitpunkt vom Verkauf in die Preiskalkulation eingepreist. Im Rahmen der klassischen Einkaufsverhandlung ist es also schwierig, eine Regelung zu finden, bei der Abnehmer langfristig durch bessere Preise profitieren.

Kurze Zahlungsziele werden nicht belohnt, Skonto wird eingepreist. Dieses Problem hat im ersten Schritt dazu geführt, dass Drittanbieter wie Banken und Finanzintermediäre Lösungsansätze wie z.B. Factoring oder Reverse Factoring entwickelt haben. Dabei werden die Forderungen der Lieferanten an Dritte verkauft. Hierdurch entsteht ein hoher technischer, juristischer und organisatorischer Aufwand bei der Übertragung und Absicherung des Kreditrisikos, den sich Drittanbieter in Form von Zinsen und Gebühren vergüten lassen. So können Lieferanten wie Abnehmer die vorhandenen Potentiale zur Kostensenkung nicht realisieren.

Effizienter marktbasierter Forderungsausgleich

Neue Möglichkeiten der Digitalisierung ermöglichen es Unternehmen, ihren Lieferanten die marktbasierte, vorzeitige Zahlung von Rechnungen gegen zusätzliche Rabatte anzubieten. Diese werden IT-gestützt direkt zwischen den Abnehmern und ihren eigenen Lieferanten etabliert und vermeiden dadurch externe Banken und Kreditrisiko. Das Prinzip eines direkten Marktes funktioniert folgendermaßen:

dcm 03 2017
1. Rechnungs-Upload: Die regulären Rechnungs- und Buchungsprozesse bleiben gleich. Waren und Dienstleistungen gehen wie gewohnt durch interne Qualitätskontrollen bis hin zur Rechnungsfreigabe. Dann werden die bestätigten Rechnungen von ausgewählten Lieferanten automatisiert auf die Plattform geladen.

2. Freie Liquidität & Mindestrendite: Zusätzlich definiert der Abnehmer, wie viel freie Liquidität er seinen Lieferanten zur vorzeitigen Bezahlung ihrer Rechnungen zur Verfügung stellt.

3. Discount-Gebot: Jeder Lieferant findet seine Rechnungen auf der Plattform vor. Auf Rechnungsebene kann er individuell bestimmen, was es ihm aktuell wert wäre, vorzeitig bezahlt zu werden. Dies setzt sich zusammen aus der aktuellen Liquiditätssituation, den Finanzierungskosten, den Absicherungskosten der ansonsten bestehenden Forderungen und dem Mehrwert der optimierten Bilanzkennzahlen.

4. Clearing & Auszahlung: Dadurch, dass Lieferanten unterschiedliche Gebote abgeben und die verfügbare Liquidität begrenzt ist, ergibt sich ein Markt. Welche Lieferanten ihre Rechnungen vorzeitig ausgezahlt bekommen, wird durch Markt-Algorithmen auf Basis der eingegangenen Gebote ermittelt. Im Clearing zahlt der Abnehmer die Rechnungen der erfolgreichen Gebote über den regulären Zahlweg direkt an die Lieferanten und realisiert dabei eine risikofreie Rendite.

Der gesamte Markt wird in realtime auf einer weltweit zugänglichen Plattform abgewickelt. Die Nutzung ist einfach wie beim modernen Online-Banking und bedeutet sowohl für die Abnehmer als auch für die Lieferanten nur wenige Minuten Aufwand pro Woche.

Vorteile für beide Seiten

Lieferanten profitieren durch einfachen und sofortigen Zugang zu Liquidität – ohne komplexes Vertragswerk und langfristige Bindung. Die flexible Option der vorzeitigen Zahlung ist dabei nicht immer für alle Lieferanten interessant, denn ein Teil der Lieferanten verfügt ständig oder zu bestimmten Zeitpunkten selbst über Liquiditätsreserven. Doch in den Portfolios der meisten einkaufenden Unternehmen können zu jedem Zeitpunkt ca. 20% bis 40% der Lieferanten zusätzliche Liquidität sehr gut nutzen: um saisonale Schwankungen auszugleichen, um teure Kreditlinien zurückzufahren oder um Skonto-Vereinbarungen bei ihren eigenen Lieferanten auszunutzen. Zusätzlich nutzen selbst liquiditätsstarke Lieferanten die Option, um vorzeitig Cash Flow zu realisieren, Versicherungslimits zu reduzieren und das Working Capital und die Bilanzkennzahlen zu stärken.

Abnehmer erhalten zusätzliche, wiederkehrende Rabatte. Diese werden freiwillig von den Lieferanten gewährt; dadurch wird die Lieferantenbeziehung vertieft und die Lieferkette gestärkt. Eine digitale, marktbasierte Lösung ermöglicht dies bei geringer Komplexität im Setup und fortlaufender Kontrolle über die eingesetzte Liquidität. Das ist besonders wichtig für das eigene Liquidität- und Risikomanagement. Für die Finanzabteilung bietet ein Markt eine wesentlich attraktivere Rendite als aktuell verfügbare kurzfristige Anlageoptionen. Im Risikomanagement punktet ein direkter Markt durch die tatsächliche Eliminierung von Kreditrisiken. Denn faktisch wird kein Kredit vergeben und keine Forderung verkauft, sondern lediglich Rechnungen, die bereits zur Zahlung freigegeben wurden, vorzeitig gezahlt. Die gesamte Abwicklung erfolgt für die eigene Buchhaltung über Standardprozesse bei Rechnungseingang und -verarbeitung. Auch die zusätzlich gewährten Rabatte werden als Gutschriften automatisiert verbucht.

Durch die Umsetzung von Supply Chain Finance in einen Markt zur vorzeitigen Zahlung von Rechnungen können Liquidität und Finanzierungskosten der Lieferanten optimiert werden – und gleichzeitig kann der Abnehmer dauerhaft Vorteile erzielen. Statt Liquidität auf der einen Seite mit Negativzinsen anzulegen und auf der anderen Seite mit hohen Zinsen zu finanzieren, entsteht nun ein Markt direkt zwischen Abnehmern und ihren Lieferanten, von dem beide Seitenprofitieren!


Quelle: 11. Oktober 2017, BvCM e.V. Der CreditManager Ausgabe 03/2017

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